Giesela und Hanns-Joachim blickten sich schweigend an. Vor ihnen lag eine Klappkarte mit goldener Reliefprägung, daneben der zugehörige lilanelila Umschlag. Hanns-Joachim blickte gedankenverloren durch das vom Putzen schlierige Fenster. Seine Finger spielten mit der Karte, die jedes malMal, wenn sie für mehr als 3cm3 cm auseinanderklappte, den Refrain von „Life Is LifeLive Is Life“ anspielte.
In einer Stunde würde das Anruflinientaxi nach BerinBerlin fahren, wo Beatrice Köhnig, ihre ehemalige Deutschlehrerin, heute ihren hundertsten Geburtstag feierte. In der Schule war sie von allen als „Duden DonnerDuden-Donner“ gefürchtet, und noch immer habenhatten Giesela und Hanns-Joachim Angst davor, auch nur einen einzigen Fehler in der Grußkarte zu machen, als fürchteten die beiden, selbst fünfzig Jahre nach ihrem Schulabschluss noch einen Punktabzug oder einen Stempel mit traurigem, dunkelrotendunkelrotem Smiley.
Smiley – da war wieder der Gedanke, der Hans-JoachimHanns-Joachim durchfuhr und sein rechtes Augenlid zum Zucken brachte. Eigentlich verachtete Hanns-Joachim ja die Verhunzung der deutschen Sprache durch englische, oder, noch schlimmer, denglische Ausdrücke, aber seitdem er in der allgemeinenAllgemeinen Sonntagszeitung einen Beitrag zum Sprachwandel gelesen hatte, konnte er vor lauter Aufregung an nichts anderes mehr denken und fühlte sich bereits am Morgen völlig lost, weil er - Real talk -– Real Talk – sprachlich gesehen den Boden unter den Füßen verlor. Er traute sich kaum noch zu schreiben, weil er Angst hatte, Wörter ohne deutsche Vergangenheit zu verwenden.
GiselaGiesela fühlte sich kaum besser mit ihrer LRS und hielt Hanns-Joachim zitternd den Kugelschreiber hin mit der Aufforderung, er solltesolle sich doch jetzt endlich mal zusammen reißenzusammenreißen. Beiden war völlig klar: hierHier half ihnen auch nicht das Windows XP RechtschreibeprogrammWindows-XP-Rechtschreibeprogramm weiter und vom neuen, KI-basierten Korrekturprogramm von „Lectoria“ hatten die beiden noch nichts gehört. Vielleicht gibt ihnen aber Frau Köhnig bei ihrem hundert und erstenhundertundersten Geburtstag noch mal eine Chance.
